16.06.2015
Kategorie: Startseite, Presseschau
Von: K. Gilcher | eingestellt M. Uhl

4. Kuseler Verfügungstag - Flüchtlingskinder (6. Klassen)


Willkommensgruß von Kind zu Kind

 

Kusel: Schüler des Gymnasiums besuchen die ehemalige Kaserne – Projekttag zur Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge

Von Klaudia Gilcher

erschienen in der Rheinpfalz Nr. 136, S. 11

 

Wie ist es wohl, ein Flüchtlingskind zu sein? Die Sechstklässler des Kuseler Gymnasium erlebten das gestern hautnah. Beim Projekttag besuchten sie das Gelände auf dem Kuseler Windhof, in dem das Land eine Erstunterkunft für Asylsuchende einrichtet. Sie gingen dabei die Wege, die ihre Altersgenossen aus fernen Ländern demnächst gehen werden. Denen malten sie schon einmal Begrüßungsbilder – vom schönen deutschen Sommer zum Beispiel.

Die Galerie der Begegnung liegt an diesem Morgen direkt außerhalb der Kaserne. An den Mauern und am Tor, auf denen immer noch die Stacheldrahtrollen ungebetene Besucher abhalten, in Sichtweite des rund um die Uhr besetzten Wachpostens, hängen die ersten Zwölfjährigen gegen 8.30 Uhr „Steckbriefe“ auf. Sie haben zur Vorbereitung des Projekttages unter dem Motto „Flüchtlingskinder“ Migranten nach ihrem Lebenslauf befragt. Den Inhaber der Kuseler Eisdiele zum Beispiel, US-Amerikaner und Kanadier, Kasachen, Rumänen, Sam, den Musiker aus Gambia und Marika, die angehende Schauspielschülerin aus Ghana. „Wir fühlen uns immer noch fremd“, hat ein kasachisches Paar mit deutschen Wurzeln geschrieben, das unter Bundeskanzler Helmut Kohl das Angebot angenommen hat, aus der früheren Sowjetunion einzuwandern. So ein Satz macht auch erwachsene Betrachter nachdenklich.Die Kinder reflektieren derweil andere Eindrücke. Sie sind mit Lehrern und Mitgliedern der Anti-Rassismus-AG den Weg hinauf auf die aufgegebene Kaserne gelaufen, den auch die asylbegehrenden Flüchtlinge bald gehen werden, wenn sie zur Registrierung und Beurteilung ihrer Situation für die ersten drei Monate ihres Aufenthalts in Deutschland in Kusel Unterschlupf finden. Aufgeteilt in Gruppen gehen die Schüler mit Einwegkameras auf Fotosafari, halten fest, was ihnen in die Augen springt. „Es gibt hier viele Räume wie Kerker, wo man Leute einschließen kann“, findet Sebastian. „Und die Häuser sind alle gleich und ziemlich langweilig.“

Die 6c und die 6d besichtigen derweil einen der Blöcke, die als erstes für die Flüchtlinge hergerichtet werden sollen. Früher dienten dort Soldaten. Die Aufenthaltsräume sind noch in schwarz, rot und gold akzentuiert, im Treppenhaus prangt noch Graf von Moltkes Losung „getrennt marschieren – vereint schlagen“. Mitglieder der Anti-Rassismus-AG haben in einer etwa 5,5 auf 2,5 Meter großen Stube mit Kreide Linien auf den Boden gemalt. „Das sind die Umrisse von zwei Stockbetten und einem Einzelbett und einem Tisch mit drei Stühlen“, erläutert Alexa Roth. „Das Zimmer ist für fünf Personen gedacht, die sich wahrscheinlich noch nicht einmal kennen.“ Die 14-Jährige ist in der neunten Klasse „Ich engagiere mich in der AG, weil es ein lokal ganz wichtiges Thema ist und ich zeigen will, auf welcher Seite ich stehe“, sagt sie. Die Enge lässt die jungen Besucher nachdenklich werden. Ihre eigenen Zimmer seien deutlich größer, meinen die meisten.

 

Die Besichtigung läuft nicht im Klassenverband, sondern in zusammengewürfelten Gruppen. „Wir wollen den Kindern ein Gefühl dafür vermitteln, wie es ist, sich fremd zu fühlen. Sie sollen hautnah erleben, wo Flüchtlingskinder ihren Tag verbringen und nachempfinden, wie es ist, in so einem Zuhause auf Zeit neu anzukommen“, erläutert AG-Leiter Sven Teuber, der Deutsch und Sozialkunde unterrichtet und den Tag weitgehend vorbereitet hat.

 

Auch die Mitglieder der Amnesty International (AI) Ortsgruppe Kusel setzen auf Erfahrung am eigenen Leib. „Wir stellen in mehreren Stationen die Arbeit von AI und die Stationen einer Flucht vor“, erzählt Clara Schirmeister (17). „Dabei werden die Schüler auch kurz so eng zusammengepfercht wie auf einem Flüchtlingsboot.“ Die Informationsrunde bildet den Abschluss des Rundgangs. Danach treffen sich alle wieder in der Galerie der Begegnung. Denn während des Vormittags, der auch Picknick und Sport beinhaltete, haben sie auch kleine Bilder gemalt.

 

Die Bilder werden, wie die Fotos, im kommenden Schuljahr im Gymnasium ausgestellt und dann in den Flüchtlingsunterkünften aufgehängt. Als Willkommensgruß von Kind zu Kind, auf dass sich die „langweiligen Häuser“ etwas wärmer anfühlen mögen. „Ich male ein Sommerbild“, erzählt Anna. „Mit Blumen und Sonne. Damit man sieht, wie schön es im Sommer bei uns ist.“