09.06.2019
Kategorie: Religion und Ethik, Startseite, Presseschau
Von: eingestellt von S. Jaqui

Wahres Gesicht der Nazis zeigen


Kusel: Gedenkstättenfahrt der Zehntklässler des Siebenpfeiffer-Gymnasiums

Von Susanne Cahn

Toleranz und Frieden statt Rassismus und Gewalt: Unter diesem Motto steht eine Gedenkstättenfahrt mit Zehntklässlern des Kuseler Siebenpfeiffer-Gymnasiums in der kommenden Woche. Kurz vor der Abreise berichten Teilnehmer der RHEINPFALZ, wie sie sich auf die Reise zu den dunkelsten Stätten deutscher Geschichte vorbereiten.

40 Schüler besuchen vom 11. bis 14. Juni das frühere KZ Dachau sowie Nürnberg und München. Eine weitere Gruppe reist zum Erinnerungsort Verdun aus dem Ersten Weltkrieg, berichtet Ulrich Reh. Die Vorbereitungen liefen schon ein gutes Jahr, schildert der Pfarrer im Schuldienst, der die Fahrt zusammen mit dem Beauftragten für Gedenkstättenfahrten im Dekanat Kusel, Walter Lukasczyk, begleitet. Auch eine Ex-Schülerin ist diesmal dabei, wenn sich die Jugendlichen vier Tage lang mit den Hintergründen des verbrecherischen Gewaltregimes auseinandersetzen.

Keine normale KlassenfahrtEine normale Klassenfahrt sei dies nicht, betont Reh. „Es ist eine Studienfahrt, und sie ist für die Schüler verpflichtend.“ Sophia Even (16) erhofft sich davon neue Einblicke und Sichtweisen. Beim Einstieg ins Thema Nationalsozialismus habe sie ein „komisches Gefühl“, denn es „ist einfach unvorstellbar, wie schrecklich das damals war“. Dies werde ihr beim Besuch der Gedenkstätte sicher noch näher kommen, meint Sophia. Die 16-jährige Kim Decklar berichtet, dass es für sie schwer verständlich sei, „wie so etwas passieren konnte“.

Mit Film vorbereitetBesonders für das Thema Widerstand interessieren sich Niklas Walg (16) und Lea Lißmann. „Das Thema ist ganz aktuell“, sagt Lea mit Blick auf die Wahlen und das Erstarken der Rechten. Sie erhofft sich, besser zu verstehen, „wie das damals passiert ist“ und Bezüge in die Gegenwart herzustellen. Neu ist das Thema für Lea nicht. „Wir reden auch zu Hause darüber“, erzählt die 16-Jährige, die Geschichte als Leistungskurs wählen will. Auch Lukas Kurz (16) hat schon mit seinen Großeltern darüber gesprochen. Außerdem ist er in der Kirchengemeinde in Herschweiler-Pettersheim aktiv, wo kürzlich ein Film zum Thema gezeigt wurde. Auch der an der Schule gezeigte Film „Schindlers Liste“ habe ihn sehr beeindruckt, erzählt Lukas.

Gedenkstätte und GräberWenn die Schüler die Gedenkstätte in Dachau besuchen, eine Stadtrundfahrt in München als „Hauptstadt der Nazi-Bewegung“ unternehmen, an den Gräbern der Widerstandskämpfer der Weißen Rose innehalten und in Nürnberg das Reichsparteitagsgelände sehen, „dann gehen wir da nicht einfach so durch“, stellt Reh klar. Die Schüler seien emotional betroffen, Gefühle wie Ohnmacht, Scham, Wut oder auch Schuldgefühle seien möglich, so seine Erfahrung. Deshalb sei die Begleitung bei der Nachbearbeitung „ganz nah bei den Schülern“. Und Diakon Lukasczyk fügt hinzu: „Die Schüler sind existenziell betroffen. Bei der Aufarbeitung merkt man, dass sie viel verstanden haben.“ Bei der Fahrt nach Dachau wolle man keineswegs eine „Faszination des Grauens“ fabrizieren, betont Lukasczyk. Allerdings sollten die zwei Seiten des Nationalsozialismus deutlich werden, sagt er – der Schein, der so viele mitzog, und das wahre Gesicht der Nazis mit brennenden Synagogen und der Ermordung der Juden.

Viel Geschichte, viele EmotionenLukasczyk begleitet die Fahrten bereits seit 25 Jahren und hat dabei durchweg positive Erfahrungen gemacht. Für ihn sind die Studienfahrten „Präventionsarbeit für Demokratie“. Es gehe darum, junge Leute für demokratische Werte zu sensibilisieren und auch für das christliche Gebot der Nächstenliebe.

Dass die Fahrt verpflichtend ist, finden die fünf Schüler übrigens gut. Denn sie wissen auch von Mitschülern, die eine solche Fahrt nicht unbedingt freiwillig machen würden. „Die Zukunft kann nur gestalten, wer die Vergangenheit kennt“, betont Reh. In diesem Sinne erwartet die Zehntklässler viel Geschichte, aber sicher auch viele ganz traurige Emotionen. „Davor sollte man keine Angst haben“, findet Kim Decklar. Und die 16-Jährige fügt hinzu: „Wir dürfen nicht vor der Realität weglaufen.“ Und vor der Geschichte auch nicht.

(veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Rheinpfalz)

Quelle

Ausgabe Die Rheinpfalz Westricher Rundschau - Nr. 132
Datum Samstag, den 8. Juni 2019
Seite 15