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Selbstbestimmt lernen? Seit Schuljahresbeginn ist das an der IGS Landstuhl gelebte Praxis – auch dank eines Schülers aus dem Landkreis Kusel. Warum das Konzept ohne ihn nur schwer umsetzbar wäre.

Von Jan Ullm

 
Kusel/Landstuhl. Workshopraum statt Klassenzimmer, Notendruck und starre Lehrpläne ade: Die Integrierte Gesamtschule (IGS) „Am Nanstein“ in Landstuhl geht seit dem Schuljahresbeginn 2025/26 neue Wege. Die Fünftklässer lernen dort nach einem neuen pädagogischen Konzept selbstbestimmt, indem sie nach Absprache mit den Lehrern ihren Wochenplan und ihre Ziele selbst festlegen. In sogenannten Inputphasen wird der aktuelle Wissensstoff erklärt – dann lernen die Kinder gemeinsam oder alleine in Gruppenräumen. Als „Schule der Zukunft“ übernimmt die IGS damit eine Pionierrolle unter den Gesamtschulen in der Westpfalz.

Vor der Einführung war allerdings eine wichtige Frage zu klären: Wie behalten die Lehrer bei all der Freiheit den Überblick? Die Antwort liefert ein Computerprogramm, das über das Schulnetzwerk aufgerufen werden kann: Es zeigt beispielsweise an, wo die Schüler gerade lernen oder an welchen Aufgaben sie arbeiten. Gleichzeitig können sie sowie ihre Lehrer und Eltern prüfen, wie weit ihr Lernfortschritt ist – und mit welcher Note sie das Schuljahr abschließen, wenn sie ihr derzeitiges Tempo beibehalten.

Schüler schreibt Software für IGS

Entwickelt hat das Programm allerdings nicht etwa ein IT-Unternehmen, sondern ein Schüler des Siebenpfeiffer Gymnasiums Kusel aus Thallichtenberg: Lukas Morgenstern. Mehrere Hundert Stunden hat der 18-Jährige nach eigenen Angaben investiert, um die Anwendung für die IGS zu programmieren. „Für mich war das einfach ein cooles Projekt“, sagt Morgenstern. Geld habe er als Gegenleistung nicht verlangt – auch wenn ihm damals klar gewesen sei, dass die Entwicklung viel Zeit frisst: „Es gab Wochenenden, da habe ich nichts anderes gemacht, als zu programmieren.“

Dass ausgerechnet er als Schüler aus dem Landkreis Kusel das Programm entwickelt hat, liege an seiner Mutter, erklärt Morgenstern: Sie unterrichtet an der IGS und habe ihm im vergangenen Schuljahr erstmals von dem geplanten pädagogischen Konzept erzählt. Schnell sei die Frage aufgekommen, ob er eine Verwaltungssoftware für die Gesamtschule entwickeln könne, denn schließlich habe er bereits Erfahrung in dem Gebiet. Schon im Grundschulalter habe er sich mit Einsteigerprogrammen wie Scratch mit Programmiersprache befasst, später folgten Projekte wie eine Speisekammer-App für den Schülerwettbewerb „Jugend forscht“, um die Lebensmittel im Haushalt im Blick zu behalten.

Programm „essenziell“für Unterricht

Ob die Umsetzung des neuen Konzepts ohne seine Mithilfe möglich gewesen wäre? „Es wäre definitiv komplizierter geworden“, sagt Morgenstern im Hinblick auf den bürokratischen Aufwand. Der große Vorteil sei immerhin, „dass nicht mehr jede Information auf Papier geschrieben werden muss.“

Dass die App kaum aus dem Unterricht wegzudenken ist, meint wiederum Uli Herzel. „Das Programm ist essenziell, damit das neue Konzept reibungslos funktioniert“, sagt der Didaktische Koordinator an der IGS. Zwar habe es nach Schuljahresbeginn zunächst ein paar technische Startschwierigkeiten gegeben, doch seit den Herbstferien funktioniere die Anwendung zuverlässig. Das wirke sich auch auf die Leistung der Schüler aus, die seitdem ihren Lernfortschritt besser im Blick behalten könnten und dadurch schneller mit ihren Aufgaben fertig werden.

Das habe auch die Skepsis mancher Eltern gegenüber dem selbstbestimmten Lernen gemildert: „Die Rückmeldungen sind deutlich positiv, seitdem auch die Eltern Zugriff haben.“ Für die älteren Schüler der IGS läuft der Unterricht weiter wie bisher – allerdings soll sich das Konzept künftig bis zur MSS stufenweise ausweiten.

Informatik-Pflichtfach soll mehr Talente fördern

Auch Niko Markus vom Siebenpfeiffer Gymnasium zeigt sich beeindruckt von der Leistung des Schülers. „In Sachen Webentwicklung muss ich ihm nichts mehr beibringen“, sagt der Mathe- und Informatiklehrer und schmunzelt. Seine Hoffnung sei, dass in der Kuseler Schule als eine der wenigen Schulen in Rheinland-Pfalz hat das Gymnasium mit dem Schuljahr 2025/26 Informatik als Pflichtfach in allen siebten Klassen eingeführt. Im nächsten Schuljahr werde das das Fach auch in allen achten Klassen unterrichtet, sodass theoretisch alle Jahrgangsstufen – vom IT-Unterricht in der Unterstufe bis zum Graduierung, jedes Kind erhält am Schulanfang bestimmte Rechte: Je verantwortungsvoller ein Schüler sich verhält, desto mehr weitere Rechte kann er sich „hinzuverdienen“, schreibt die IGS auf ihrer Website. Auch Verstöße seien bei gegenteiligem Verhalten möglich.

Wie es für ihn nach dem Abitur weitergeht, wisse er nich nicht hundertprozentig. „Vielleicht Mathe oder Informatik, ich könnte mir aber auch ein Lehramtstudium vorstellen“, sagt der 18-Jährige.

(veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Rheinpfalz)

https://epaper.rheinpfalz.de/EPaper/PHP-Files/archivedpages.php

Quelle

AusgabeDie Rheinpfalz Westricher Rundschau – Nr. 280
DatumMittwoch, den 3. Dezember 2025
Seite11