Chronist des Kuseler Gymnasiums

Porträt: Historiker Werner Feick wird 80 Jahre alt – Nostalgischer Besuch beim ehemaligen Lehrer

Von Rainer Dick

Vor geraumer Zeit hat sich das Gymnasium Kusel nach dem Hambach-Helden Siebenpfeiffer benannt und sein 100-jähriges Bestehen gefeiert. Tatsächlich gab es in der Stadt schon im 16. Jahrhundert und dann wieder ab 1836 eine Lateinschule. Chronist der Einrichtung ist der pensionierte Lehrer Werner Feick, der an diesem Freitag 80 Jahre alt wird.

Werner Feick hat das Kuseler Gymnasium als Schüler besucht und hier später 37 Jahre lang die Fächer Englisch und Geschichte unterrichtet. Mein eigener Abschied von der Schule liegt vier Jahrzehnte zurück. Die Erinnerung ist stark verblasst oder bewusst verdrängt; erst recht stellt sich keinerlei nostalgische Sentimentalität ein.

Werner Feick ist einer der wenigen – auch für mich selbst überraschend wenigen! – Pädagogen, die ich in angenehmer, womöglich dankbarer Erinnerung behalten habe. Es gibt durchaus einige, die ich ausgesprochen gern vergessen habe, vergessen möchte, vergessen sollte.

Wiedersehen nach mindestens 35 Jahren. Werner Feick ist grauer geworden, die Schritte langsamer. Ansonsten: ganz der Alte. Sanfte Stimme und ebensolches Lächeln, hellwach verschmitzte Augen, angenehme Gesprächsatmosphäre. Damals musste er weder Dompteur noch Zucht-und-Ordnung-Zampano spielen. Er war kein Kompetenz-Choleriker und auch kein arroganter Autoritäts-Auftrumpfer, nicht süffisant distanzierter Schwadroneur und auch nicht blasierter Besserwisser-Brüller. Selbstgefällige Überheblichkeit war niemals seine Sache.

Vielmehr besaß und verkörperte er jene Attribute, die das Duden-Wörterbuch der Autorität zuschreibt: „auf Leistung oder Ausstrahlung beruhender Einfluss einer Person und daraus erwachsendes Ansehen“.

Er redete nicht zu, sondern mit uns. Er saß nicht auf hohem Ross, sondern hörte an und hörte zu, argumentierte unaufgeregt, überzeugte und ließ sich überzeugen. Wo Anerkennung auf Bodenhaftung beruht, erwachsen Respekt und Vertrauen von ganz allein. Das ist ein außerordentlich gutes Rezept gegen Hochmut und Herablassung.

Werner Feick wurde am Freitag vor 80 Jahren in Wahnwegen geboren. Sein Vater war Diamantschleifer, kehrte mit schwersten Schäden und arbeitsunfähig aus dem Zweiten Weltkrieg zurück. Nach dem Besuch des Kuseler Gymnasiums, das sich im heutigen Horst-Eckel-Haus befand, wusste er: „Ich wollte immer Lehrer werden. Das war für mich der beste Beruf. Mein Traumberuf.“

Die Traumfächer: Englisch und Geschichte, „weil mich das immer interessiert und fasziniert hat“. Studium in Saarbrücken, ein Jahr in Loughton bei London: „Das waren die späten Sechziger. Ich habe die Londoner Kultur richtig genossen, die Theater und Museen. Das hat Spaß gemacht wie verrückt.“ Dass er in die Pfalz zurückkehren würde, war klar. 1974 wurde er Lehrer am Gymnasium Kusel, wo die einstigen Pauker plötzlich Kollegen waren.

Weder Pennäler noch ihre Klassenkameradinnen würden zu Schulzeiten zugeben, dass sie für eine Lehrkraft so etwas wie Zuneigung empfinden. Werner Feick durfte während einer schweren, inzwischen weitgehend überstandenen Krankheit in den 1990er Jahren diese aufrichtige Anteilnahme erfahren. „Das tut natürlich unglaublich gut“, sagt er und berichtet von herzlichen Begegnungen abseits des Schulhofs. 2011 ging er in Pension, heute sagt er: „Es hat einfach immer Spaß gemacht.“

Auf Anregung des damaligen Direktors Ralf Hellwig begann er mit der Sichtung des ungeordneten Schularchivs. In den Katakomben unterm Gymnasium arbeitete sich Werner Feick durch 24 vollgestopfte, bis 1836 zurückreichende Aktenordner. „Das hat Jahre gedauert“, sagt Feick, der als erster Autor auch Personen und Ereignisse der Nazi-Zeit beleuchtete.

Seine „Geschichte des Gymnasiums Kusel“ wurde 2012 in einer Doppelnummer der „Westricher Heimatblätter“ veröffentlicht und um Texte der beiden einstigen Schulleiter Julius Gerlach (1905-1989) und Hans Froeßl (1924-2003) ergänzt. Außerdem schrieb Werner Feick eine Chronik der gymnasialen Schulgebäude; das jetzige Domizil am Kuseler Walkmühlweiher wurde 1967 bezogen.

Ich bin seit 40 Jahren nicht mehr dort gewesen. Die Wiederbegegnung mit Werner Feick genieße ich jede Sekunde. Er berichtet vom schnellen Internetanschluss, den täglich verfolgten Fernsehnachrichten in englischer Sprache, von seiner großen Bibliothek. Aktuelle Lektüre ist „Das Weltbild des mittelalterlichen Menschen“ von Aaron Gurewitsch.

Mit uns am Tisch sitzt seine seit fünf Jahrzehnten angetraute Frau Brigitte. Sie sagt, dass sie mal auf einer Kerwe- oder Wirtshaus-„Mussik“ mit mir getanzt habe. Ich weiß es nicht mehr. Gut möglich ist es, denn weder sie noch ihr Mann strahlen kalt abweisende Ausbilder-Arroganz aus. Vielmehr schwebt da so etwas wie Herzlichkeit, Wärme.

Es war ein schöner, erfüllender Rück-Schritt, Rück-Blick in die eigene Biografie. Man muss kein Nostalgiker sein, um sich eine baldige Wiederholung vorzunehmen. Vorerst beste Geburtstagsgrüße.

(veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Rheinpfalz)

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Quelle

AusgabeDie Rheinpfalz Westricher Rundschau – Nr. 110
DatumMittwoch, den 13. Mai 2026
Seite16