24.10.2018
Kategorie: Presseschau, Startseite
Von: eingestellt von S. Jaqui

Schule im Wandel: Diskussionen in der „diagonale“


Kusel: Artikel aus Schülerzeitung des Gymnasiums spiegeln gesellschaftlichen Wandel wider

Protest und Revolte, die in den 1960er Jahren die bundesdeutsche Öffentlichkeit bestimmten, fanden im Kreis Kusel nur ein verhaltenes Echo. Welchen Widerhall es auf die gesellschaftlichen Debatten gab, lässt sich unter anderem in der „diagonale“ ablesen, der Schülerzeitung des Gymnasiums Kusel.

Nicht unerwähnt bleibt, dass zum Schuljahr 1967/68 das Gymnasium in Kusel, das von rund 1000 Schülern besucht wird, einen Neubau bezieht. „Ich komme mir vor wie in einer Besserungsanstalt, aber nicht wie in einer Schule“, wird ein Schüler-Kommentar zum Neubau des Gymnasiums zitiert.Eine weitere Ausgabe thematisiert ausführlich den Vietnamkrieg. Im Fazit hält der Autor den USA vor, in Südvietnam ein „Zerrbild der Freiheit“ errichtet und im Kampf gegen den Kommunismus die Vernichtung unschuldiger Menschen in Kauf genommen zu haben.

Lehrkräften des Gymnasiums wird in einem Heft die Frage vorgelegt, wie sie zu Autorität und Partnerschaft in der Schule stehen. „Autorität muß sein!!!“, stellt ein Oberstudienrat fest. Schüler und Lehrer sieht er allerdings auch als Partner, vergleichbar dem Verhältnis von Werksleitung und Arbeitern. Ein Mathematiklehrer bringt es auf die Formel „3/5 Autorität und 2/5 Partnerschaft“. Und ein Fachkollege rät: In den Oberklassen sollte stärker Partnerschaft, in den Unterklassen mehr Autorität hervortreten.

„Erst wenn einen eine Klasse respektiert, hat man so viel Luft, dass man mit den Schülern partnerschaftlich arbeiten kann“, findet eine Pädagogin. Partnerschaft sei allerdings nicht mit Freundschaft oder Verbrüderung gleichzusetzen. Und ein Oberstudienrat warnt, eine Schule ohne ausgewogenes Verhältnis zwischen Partnerschaft und „helfender, zügelnder, gegebenenfalls befehlender Autorität“ tauge wenig für Erziehung und Bildung.

Im selben Heft findet sich ein Interview mit der damals populären Band „The Lords“, die auch in der Region gastierte. Überhaupt sind Interviews beliebt: So gibt es Gespräche mit Landrat Gustav Adolf Held, Kultusminister Bernhard Vogel, Oberkirchenrat Heinrich Kronauer und Moderator Manfred Sexauer, der Beatmusik in Rundfunk und TV populär machte.

Eine Schülerzeitung aus dem Jahr 1968 enthält ein Flugblatt des „Aktionszentrums unabhängiger sozialistischer Schüler“. Darin wird als Antwort auf das „undemokratische Schulsystem“ gefordert: Mitbestimmung für die Schüler in Zeugnis- und Versetzungskonferenzen sowie bei der Lehrplangestaltung. Weitere Forderungen sind die ständige Diskussion von tages- und gesellschaftspolitischen Problemen – wie Notstandsgesetze und Vietnamkrieg – sowie die Aufnahme von Philosophie und Soziologie als vollwertige Schulfächer. Sexualkunde solle zudem nicht nur auf die Biologie verengt sein.

Der damalige stellvertretende Direktor Hans Froeßl macht in der „diagonale“ deutlich, dass er von den Mitbestimmungsforderungen nicht allzu viel hält. Der Idee einer „Schülergewerkschaft“ kann er nichts abgewinnen, „denn Schüler sind keine Arbeitnehmer im Sinn des Arbeitsrechts“. Zur Kleidung der Schüler befragt argumentiert der Pädagoge, jede junge Generation müsse ihre Selbstständigkeit durch äußerliche Zeichen ausdrücken können. „Wenn das Minirock und Bart sind, ist das durchaus berechtigt, man sollte aber die Grenzen des guten Geschmacks wahren.“ Wenn bei jungen Männern wegen ungepflegter langer Haare Schuppen auf den Schultern liegen, „stößt das ab und stört mich“.

Andere Ausgaben enthalten Noten und Text zu dem Protestsong „We shall overcome“ oder erklären politische Symbole wie Peace-Zeichen, geballte Faust, rote Fahne, roten Stern sowie das Hakenkreuz.

Im Zusammenhang mit den Hausordnungen für das Gymnasium wird die Frage aufgeworfen: „Warum putzen Lehrer ihre Tafeln nicht selber?“ Klaus Groh, pensionierter Studiendirektor, der von 1957 bis 1993 am Gymnasium Kusel unterrichtete, meint im Rückblick: „Wir hatten brave Schüler.“ rac

(eingestellt mit freundlicher Genehmigung der Rheinpfalz)

Quelle

Ausgabe Die Rheinpfalz Westricher Rundschau - Nr. 245
Datum Mittwoch, den 24. Oktober 2018
Seite 17