15.11.2018
Kategorie: Bigband, Startseite, Presseschau
Von: eingestellt von S. Jaqui

Es tutet und bläst noch im Landkreis Kusel


Vier Big Bands spielen hauptsächlich Jazz und Swing – Am Siebenpfeiffer-Gymnasium gibt es ein eigenes Ausbildungssystem

Von Helen Rapin
 

Musikvereinen gehen die Mitglieder aus, niemand, schon gar nicht die jüngeren Leute, interessiert sich für die Gemeinschaft. So etwas gibt es heute eben nicht mehr – oder? Die Musikanten aus dem Landkreis halten sich dennoch hartnäckig und haben ihre eigenen Strategien entwickelt, um mit dem Problem umzugehen. Wie steht es um die großen Gruppen des Landkreises?

Gut, alle haben sich nicht gehalten in den vergangenen Jahren. Das Gymnasium in Lauterecken hat seine Big Band schon vor einigen Jahren aufgelöst. Aktuell gibt es im Landkreis vier aktive Big Bands: Petermann’s Swing Partie, die Big Band des Siebenpfeiffer-Gymnasiums, Just for Fun und die Königsland Swingband. Big Bands unterscheiden sich von anderen Musikgruppen durch ihren Stil – sie spielen hauptsächlich Jazz und Swing. Die Bläsergruppe ist prominent und spielt auch die Melodie. Drei der Big Bands haben ihre Wurzeln in Musikvereinen. Sie blicken auf eine lange und stete Tradition zurück: Gemein ist ihnen, dass es sie oft schon seit mehreren Jahrzehnten gibt.Selbst die Big Band des Siebenpfeiffer-Gymnasiums existiere schon seit mehr als 25 Jahren, sagt Hendrik Gessner, der musikalische Leiter. Auch der ständige Wechsel, der bei einer Schülerband nicht zu vermeiden ist, scheint der Gruppe kaum Schwierigkeiten zu bereiten. Im Moment komme die Big Band auf 40 Musiker. Die Ausrichtung steht in der Tradition klassischer Big Bands aus den 1920er und 30er Jahren. Das Repertoire ist dazu geradezu revolutionär.

Hendrik Gessner berichtet stolz, dass sie sich immer wieder an neue Arrangements trauten und gern experimentierten. Hits wie „Highway to Hell“ von ACDC, oder aktuell von den Toten Hosen „Tage wie dieser“ gehören zu ihrem Programm. Auf ungewöhnliche Kombinationen lege er Wert, betont Gessner. In den vergangenen Jahren spielte auch die Präsentation der Stücke – die Showperformance – eine wichtige Rolle. Zusammen mit seinen Schülern entwickele er immer wieder andere Ideen. Vor einigen Jahren hatten sie einen Auftritt in der Fritz-Wunderlich-Halle, bei dem die jungen Musiker im Dunkeln spielten. Die Instrumente traten im Schwarzlicht durch helle Markierungen hervor. Auch an das Konzert im vergangenen Jahr in der Aufnahmeeinrichtung für Asylbegehrende in Kusel erinnert er sich gerne zurück: „Es war toll, 150 Leute haben zusammen getanzt. Die Musik war einfach ein gemeinsamer Nenner – die Sprache des Herzens.“

Nachwuchsmangel hat die Big Band des Gymnasiums nicht. Sie haben ihr eigenes Ausbildungssystem entwickelt: Schon in der fünften Klasse können die Jüngsten in der Bläserklasse ein Blasinstrument erlernen. In der Mittelstufe besteht die Möglichkeit, sich in der Mittelstufen-Big Band auszuprobieren. Wer sein Instrument dann gut beherrscht, kann ab der neunten Klasse bei der regulären Big Band mitspielen. Ein Aufnahmegespräch und ein kleines Vorspiel gehörten aber schon dazu, meint Gessner. Wenn die Motivation fehle oder das Niveau noch nicht erreicht sei, ergebe es wenig Sinn mitzuspielen. Die jungen Musiker proben freitags nach dem Unterricht.

Einen guten Zeitpunkt für die Proben festzulegen wird wohl immer schwieriger. Petermann’s Swing Partie tut dies gleich an zwei Tagen der Woche. Dies sei nötig, da es nicht möglich sei, alle Musiker zu einem Termin zusammenzutrommeln, erklärt Karl-Michael Grimm, der Leiter der Petermänner und -frauen. Einige, die inzwischen woanders studierten oder arbeiteten, könnten unter der Woche nicht kommen. Andere nur dann. Die Gruppe trifft sich deshalb dienstags und sonntags im Haus der Jugend in Kusel zum gemeinsamen Üben. Zu einer dieser Proben war die RHEINPFALZ als Gast eingeladen.

Bei der Größe der Band dauert es schon eine ganze Weile, bis alle Tische und Stühle richtig stehen, die Noten und Instrumente ausgepackt und alle eingestimmt sind. Klaus Petermann, der musikalische Leiter und Namensgeber der Band, gibt den Rhythmus vor. An diesem Abend arbeiten sie an dem Stück „Trombones under the tree“ aus dem Weihnachtsrepertoire. Immer wieder übt Petermann spezielle Passagen mit einer Instrumentengruppe. Wenn der Part „sitzt“, geht es zusammen weiter.

Fast alle Musiker der Petermann’s Swing Partie spielten noch in mindestens einer anderen Gruppe, gibt Grimm zu bedenken. Der Zusammenhalt in der Musikszene sei stark. Man helfe sich gegenseitig aus, wenn eine Position nicht besetzt werden könne – das leidige Nachwuchsthema. Junge Talente aus der Big Band des Gymnasiums werden deshalb auch rechtzeitig herangeführt. Bei der Probe sitzt ein 15-jähriger Schüler des Gymnasiums Kusel mit seinen älteren Kollegen zusammen und musiziert.

Vor 35 Jahren hatte Petermann in einer anderen Gruppe gespielt: Er war damals beim Musikverein Bosenbach aktiv. Innerhalb des Vereins tat er sich mit anderen Musikern zusammen, um sich mehr in Richtung Jazz zu bewegen. Es kamen immer mehr Mitglieder dazu. Irgendwann waren sie so viele, dass sie sich vom Musikverein lösten und einen eigenen gründeten: Die Petermann’s Swing Partie war geboren. Der Namensbestandteil „Partie“ ist ein Bezug zu den Anfängen der Big Bands. Früher war eine „Partie“ der Name für eine Musikgruppe, mit dem neu-deutschen „Party“ hat das nicht viel zu tun.

Aus einem Ständchen für einen 60. Geburtstag heraus hat sich die Big Band „Just For Fun“, rund um den Bandleader Jürgen Conrad gegründet. Anfangs sei die Gruppe auch noch öfter auf Dorffesten aufgetreten. Bis in die 1990er hatten sie Tanzmusik gespielt. Für einige Veranstalter sei es abschreckend, eine Big Band zu engagieren, da die pure Anzahl an Musikern einen hohen Preis vermuten lasse. Erstaunt seien sie dann, wenn sie feststellten, dass dies nicht der Fall sei, erzählt Conrad. Einen kleinen Obolus nehme man schon für die Auftritte, aber pro Kopf könne natürlich nicht abgerechnet werden.

Die Band hat viele Klassiker im Repertoire, darunter Glenn Miller und Count Basie. Mit der Zeit hat Conrad auch begonnen, selbst Arrangements zu schreiben: „Das Problem sind oft die verschiedenen Klassen“, sagt Conrad. Deshalb passe er die Stücke manchmal an das jeweilige Niveau an. Zum Beispiel wollte er gerne den Klassiker „Fly me to the moon“ mit Gesang machen. Diese Version habe es aber nicht als passendes Arrangement gegeben. Also habe er sich selbst daran versucht.

Ein Vorspielen gibt es bei „Just For Fun“ nicht. Über Mundpropaganda lerne man sich meist kennen, denn menschlich müsse es unbedingt auch passen, erklärt Conrad. Über einen weiteren Posaunisten/eine weitere Posaunistin wäre die Gruppe momentan sehr froh.

Ein ähnliches Problem habe auch die Königsland Swingband, sagt Eva Becht, die Vorsitzende. Bei ihnen sei das Problem die Besetzung die Rhythmusgruppe. Für Schlagzeug und Gitarre einen Musiker/eine Musikerin zu finden, sei schwierig. Das Einzugsgebiet der Bandmitglieder ist riesig: Sie kommen aus Kaiserslautern, Odenbach und Kusel zu den Proben samstagabends. Dennoch schwankten die aktiven Musiker momentan zwischen 17 und 20 Personen. Das sei für eine Big Band nicht gerade viel, beklagt Becht.

Im Namen der ganzen Gruppe könne sie sprechen, wenn sie ihre Freude über die neue Dirigentin ausdrücke. Vor einem Jahr hat Stephanie Ludes die Stabführung übernommen. Die Musiklehrerin des Lauterecker Gymnasiums habe früher in Lauterecken selbst eine Big Band gehabt, erinnert sich Becht. Sie erinnert sich auch noch daran, wie es zur Gründung der Königsland Swingband vor rund 30 Jahren gekommen war: In den 1980er Jahren habe sich Gilcher mit einer Kiste Bier in sein Auto gesetzt und sei nach Frankreich gefahren, um sich dort Musiker anzuschauen. Die Rechnung sei aufgegangen. Er kam mit neuen Eindrücken und einer Partnergruppe aus Verdun-sur-le-Doubs zurück. Inzwischen sei sogar eine Städtepartnerschaft daraus entstanden.

Auftritte hat die klassische Big Band zahlreiche: Sie spielten schon auf dem Bauernmarkt, auf Weihnachtsmärkten und bei den Königsland-Konzerten. Die Besonderheit bei ihnen sei aber, dass sie noch regelmäßig auf Kerwen auftreten, berichtet Becht. Aktuell probten sie für die Weihnachtsauftritte, darunter der auf dem Kaiserslauterer Weihnachtsmarkt am 15. Dezember.

Gott sei Dank tutet und bläst es noch im Landkreis. Wenn man genauer hinschaut, sogar ganz schön laut. Mitten im Vereinssterben lassen sich die Musiker nicht kleinkriegen. Im Gegenteil: Sie steuern aktiv dagegen an. Durch die gute Vernetzung untereinander und das clevere Heranführen des Nachwuchses an die Instrumente bleiben die Traditionen bestehen und Kusel bleibt, was es immer war – das Musikantenland.

(veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Rheinpfalz)

Quelle

Ausgabe Die Rheinpfalz Westricher Rundschau - Nr. 264
Datum Mittwoch, den 14. November 2018
Seite 16